In der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, während der Ausbildung und im Beruf, auch auf der akademischen Ebene kommt das menschliche und faire Handeln viel zu kurz. Wer will sich schon dauerhaft (auf eigene Kosten) mit einem Gegenüber auseinandersetzen, ohne sicherzugehen, dass er oder sie einem beim Erklimmen der Karriereleiter helfen könnte? Gerade dieses Risiko gilt es, in Balance zu halten. Im Berufsleben kommt jeder von uns weiter, wenn wir zusammen einen Raum und einen Kontext schaffen, in dem wir motiviert sind, zu arbeiten und zu kommunizieren. Leider herrscht in Unternehmen sehr oft eine Atmosphäre der Abwertung. Regelmässig begegnen wir Menschen, die unfreundlich sind oder Mühe haben, sich auszudrücken und so Misstrauen – teils auch irrtümlicherweise – wecken. Ein Stück Lebendigkeit ist in ihnen verschüttet, die Sprache ist für sie lediglich ein Informationsinstrument.

Je nach Veränderungen im Unternehmen wird plötzlich eine Kehrtwende notwendig: Man hat die Wahl entweder anzuklagen, sich zu verändern, davonzulaufen oder zu schweigen und den Dingen ihren Lauf lassen. Wenn wir verpflichtet sind, uns mit den Mitarbeitern oder Partnern von anderen Firmen auszutauschen und in diesem Moment Sprach- und/oder Sprechbarrieren in den Mittelpunkt rücken, sind wir oft überfordert.
Gespräche führen und Dialoge pflegen fordern eine innere Haltung, die von viel Empathie und gleichzeitig Abstand zeugt. Wie können wir uns in diesem Rahmen in einer Fremd- oder Zweitsprache ausdrücken und argumentieren?
Wir sind gefordert, neue Wege zu finden, um eine Sprache zu lernen und gleichzeitig neue Erkenntnisse zu gewinnen, wie wir zusammen eine innovative, tragbare, individuelle und kollektive unternehmerische Denkweise erreichen können. Eine gewählte menschliche Haltung im Bildungsbereich, die sowohl metakognitive Trainings als auch ein selektives Vokabular und eine sinnvolle Grammatik einschliesst, ist der einzige praxisorientierte, sachliche Weg, der uns alle weiterbringt.


Selbstkritik üben und mehrdimensional denken

Als Folge der Migrationswelle gehen wir einer neuen Ära entgegen. Es gilt, mit den Fähigkeiten und den Ressourcen des Menschen zu arbeiten und nicht in den komplexen, unbeantwortbaren Fragestellungen wie Menschen miteinander leben zu verharren. So oder so ist jedem seine Nationalität in seiner Haltung, in seiner Sprache inhärent. Es liegt an jedem einzelnen von uns, den Kommunikationskodex zu entschlüsseln. Wir werden merken, dass wir Europäer im Denken und Handeln gar nicht so weit von der fremden Person entfernt sind, wenn es darum geht, unseren täglichen Unterhalt zu verdienen. Anders ist es, wenn es darum geht, den Fremden nur für den eigenen Nutzen zu missbrauchen. Das Interesse an diesem vernetzten Denken wird zeigen, ob wir in Europa fähig sind, „partizipativ“ zu handeln. Die Frage, ob Französisch oder Deutsch, wird sich als nebensächlich erweisen. Es gilt, neue Hürden des Einander-Verstehens zu überwinden.


Die Sprache neu erfassen und erleben

Es geht darum, eine neue Ordnung zu schaffen. Nicht eine rationelle, sondern eine ganzheitliche Denkweise zu lernen, die die Sensibilität, den Intellekt, das eigene Verhalten miteinschliesst und in der man sich selber als Instrument der Veränderung betrachtet. Sie fordert, dass man sich entfernt vom Gedanken: Leben gleich Konflikt, Arbeit gleich Mühe oder sogar Strafe, Unterhaltung gleich Leichtigkeit. So beginnt man eine ganzheitliche Perspektive zu entwickeln, die möglichst allem einen Sinn gibt. Die Erinnerung und die Zukunftsperspektive werden mit elementaren Bedürfnissen verknüpft, sei es die Autonomie, den Drang sich auszudrücken, Freude zu spüren oder Neues aufzunehmen.


Autonomes Lernen, eine lohnende Entdeckung

Während der beruflichen Entwicklung können wir vom Angebot unterschiedlicher Aus- und Weiterbildungen profitieren. An jedem Arbeitsplatz machen wir von der Sprache Gebrauch. Diese orientiert sich nach einem Schema, einem Programm, das nicht unbedingt unserem wahren Selbst entspricht. Wir sind uns dessen nicht oder zu wenig bewusst. Genau an diesem Punkt stellen sich auch Fragen zur Sprach- und Sprechkompetenz sowohl in der Muttersprache als auch in anderen Sprachen. Durch den zunehmenden Einfluss der neuen Digitaltechnologien ist heute das autonome Lernen von grosser Wichtigkeit. Dies bedeutet, dass man sich die Aufgaben nicht nur selber organisiert, sondern im Bereich des innovativen Sprachenlernens ganz neue Wege beschreitet, ohne ausschliesslich neue Technologien zu nutzen.

Hier einige Denkanstösse für die Praxis:

• Wie in kurzer Zeit Lern- und Arbeitsabläufe wahrnehmen?
• Wie den Transfer des Gelernten bewusst in die Praxis umsetzen?
• Wie mit unterschiedlichen Menschen umgehen und an realistischen Zielen arbeiten?
• Wie die Kommunikationsstrategie und die Identität des Unternehmens berücksichtigen?
• Wie das Vokabular anhand dieser Kriterien gestalten?

Der kreative Ansatz spielt beim autonomen Lernen nur eine nebensächliche Rolle. Es gilt, auf eine auf die Bedürfnisse abgestimmte Weise seine Ressourcen zu nutzen und damit das Wirtschaftsleben zu beeinflussen, damit eine gesunde Wechselwirkung entsteht.


Selbstvertrauen und Mut zum Handeln

Das stark konkurrenzorientierte Denken in Unternehmen, die heute noch hauptsächlich von Männern geführt werden, macht sich in der modernen Gesellschaft auch in Organisationen breit, die von Frauen geleitet werden. Kooperatives Verhalten ist nur durch Sprache und Haltung möglich. Dies bedeutet: offen für Neues sein, sich äussern und mitteilen können, also Sachverhalte, Situationen, Meinungen sowie Gefühle wahrnehmen und ausdrücken, Unstimmigkeiten frühzeitig ansprechen, konstruktive Feedbacks geben, Zusammenhänge erkennen und Mut zum strategischen Denken haben – und dies stetig weiterentwickeln.

Partizipationsdenken oder kooperatives Verhalten findet man in Unternehmen, deren Handeln nicht bloss vom Streben nach Rendite, sondern auch von ethischen Werten geleitet wird. Moderne, lebendige und junge Führungspersönlichkeiten können sich kaum noch etwas anders vorstellen. Es gilt längst nicht mehr die altmodische Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau. Jeder und jede ist gefordert, über den eigenen Tellerrand zu schauen und das Hierarchiedenken infrage zu stellen. Auf Französisch sagt man «On va s’arranger».