ANTOINETTE VONLANTHEN
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Kategorie: Privatkurse Französisch

„L’expression“, Sprache als Ausdruck seiner selbst: Französisch lernen

Sprache als Lernprozess

Eine Sprache zu lernen, zum Beispiel Französisch, ist eine Erfahrung die nie abgeschlossen ist. Sie ist ein Lernprozess und erst als solcher überhaupt fruchtbar. Eine Sprache hat immer mit der persönlichen Welt des Menschen zu tun und kann ihm nie aufgedrängt geschweige denn befohlen werden. Kommunikation kommt erst dann zustande, wenn der Mensch in seiner Aktivität eine Bedeutung zu erkennen vermag. Damit führt der Lernprozess unweigerlich über die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit. Die Menschen nehmen Arbeitskonzepte und Ideen, die in einem Zusammenhang mit ihren Bedürfnissen und Problemen stehen, viel leichter auf als rein rational Vermitteltes, fernab von der eigenen Erfahrungswelt. In diesem Prozess müssen sich die Lernenden bewusst machen was sie wollen, brauchen und können, oder eben nicht.

Zwischenmenschlicher Kontakt

Nebst den beruflich Qualifikationen und dem Selbsterfahrungswert, die mit dem Spracherwerb verbunden sind, eröffnet sich den Lernwilligen vor allem eine soziale Dimension: Die Sprache anderer zu beherrschen, bedeutet in vielen Fällen Mitwirkung in einer Gemeinschaft. Erst wenn man miteinander reden kann wird der zwischenmenschliche Kontakt überhaupt möglich, sofern der Dialog die Ebene, auf der man sich mit Händen und Füssen verständigt, übersteigen soll.

Nur wer die Sprache nicht auf Wortschatz und Grammatik allein reduziert, sondern sie darüber hinaus als Ausdruck der Kultur, der Traditionen und Gewohnheiten einer Bevölkerung versteht, wird befähigt in einen echten Austausch mit den Menschen zu treten. Deshalb ist es wichtig, aus welchem Bewusstsein heraus ein Gespräch geführt wird. Dessen Charakter wird nicht allein dadurch bestimmt, am richtigen Ort das Richtige zu sagen.

Persönliche Entwicklung

Der Inhalt eines Meinungsaustausches – was ein Gespräch idealerweise sein sollte – wird in der persönlichen Begegnung und Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber aus der Situation heraus bestimmt. Wir alle wissen, dass eine Gesprächssituation davon abhängt, wie etwas gesagt wird. Um den geeigneten Ausdruck der Sprache zu treffen, genügt es deshalb nicht, fremde Vokabeln auswendig zu lernen. Vielmehr sollte man bemüht sein, sich in die neue Sprache hineinzudenken und zu fühlen. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, die alte und bequeme Art des Sprechens in der Muttersprache  aufzugeben. Dies ist nicht einfach und verlangt viel Zeit und Geduld. Wer sich eine neue Sprache erfolgreich aneignen will, wird sein Verhalten zwangsläufig ändern müssen, legt gleichzeitig aber den Grundstein dafür, sich selber weiter zu entwickeln.

 

 

 

Ein Wirtschaftswunder

Es war einmal ein fünfzehnjähriger Junge mit Namen Laurenzo. Er lebte zu­sammen mit seinen Eltern, seinen beiden Brüdern und seiner Schwester in ei­ner Stadt in Sü­ditalien, genauer in der Region Kalabrien, in Catanzaro, der Hauptstadt der gleichna­migen Provinz. Sein Vater baute Hartweizen an, des­sen Ertrag eher bescheiden war. Er besass auch Obstbaumkulturen: Zitrus-, Pfirsich- Birn-, Olivenbäume sowie und Rebstöcke. Seine Mutter nähte traditionelle Kostüme, welche die Frauen jeweils an Festtagen trugen. Lau­renzo liebte es, die Tiere, die Menschen, das Meer und den Himmel zu beobachten. Er war von Natur aus ein Einzelgänger und ging in im Stein­eichen- und Pinienwald spazieren, der in Strauchheide  oder Macchia auslief. Früh­morgens ging er den Quais entlang, an denen die Boote angelegt hatten. Er schaute zu, wie die Fischer aufs Meer hinausfuhren. Nach ihrer Rückkehr beeilten sie sich, ihre Produkte den Fischhändlern zu liefern. Laurenzo schwor sich, dass er eines Tages „pescatore“, Fischer, werden würde.

Als er mit seinem Vater über seine Zukunft sprach, war dieser sehr erstaunt und ant­wortete ihm:

– Als Fischer verdienst du dein Brot nicht deiner Intelligenz entsprechend! Zudem sind die Fische mehr und mehr von Krankheiten befallen und sterben. Eines Tages werden sie verschwunden sein.

Einen solchen Standpunkt hatte Laurenzo nicht erwartet. Er, sein Vater, der die Natur so sehr liebte.

– Welchen anderen Beruf ausser der Fischerei könnte ich denn ausüben?, fragte der Junge seinen Vater.

– Geh ins „Istituto per la Ricostruzione Industriale“ arbeiten, das in seinen unter­schiedlichen Branchen verschiedene nationale Unternehmen vereinigt und ganze Pro­duktionssektoren wie Fiat, Pirelli und Olivetti kontrolliert. Du wirst nach Mailand ge­hen, wo sich mehrheitlich die Hauptsitze der italieni­schen Gesellschaften befinden“, antwortete sein Vater.

Die Mutter von Laurenzo kam mit einem Korb grüner Oliven am Arm zur Ter­rassen­türe herein. Sie hatte die Vorschläge des Vaters gehört und fügte hinzu:

– Ja, Laurenzo, und du wirst ein weisses Hemd, eine Seidenkrawatte und ei­nen schwarzen Anzug tragen!

Sein Vater fuhr fort:

– In unserer Familie wird man dich als Wirtschaftswunder bezeichnen!

– Ich ziehe es vor, in die Ferne aufs Meer hinaus zu fahren, das unter dem blauen Himmel glitzert oder tosend bei Sturm, malvenfarbig und tief ist, auf die Fische zu warten, die Sonne und die Sterne zu beobachten, die am freien Himmel schweben, das Glück zu finden und den Fang den Einwohnern oder den Touristen der Region zu verkaufen, antwortete Laurenzo.

– Hört euch diesen Jungen an! Welche Naivität!, rief sein Vater aus und fuhr fort:

– Lies die Dichter der florentinischen Renaissance: Dante, Petrarca, Boccac­cio. Dann wird etwas Anständiges aus dir!

Unter dem Einfluss seines Vaters fühlte sich Laurenzo hilflos und verletzlich. Er wollte weder seinem Vater noch seiner Mutter missfallen und dachte, sie hätten bestimmt Recht, die Erwachsenen wüssten ja, worauf es im Leben an­komme.

Nach der Schule ging der junge Mann nach Mailand, um Wirtschaftswissen­schaften zu studieren. Später fand er eine verantwortungsvolle Stelle beim Fiat-Konzern. Er war umgeben von dynamischen und effizienten Managern. Er verdiente viel Geld und wurde eine bekannte und geschätzte Per­sönlichkeit. Er gab sein Geld in teuren Restaurants und für Luxusautos sowie für Schmuck aus, den er an Frauen ver­schenkte. Wenn er ein Taxi nahm und der Taxichauffeur ihn fragte, wohin er ihn fah­ren solle, antwortete er la­chend:

– Wohin Sie auch gehen, ich werde überall erwartet!

Der Chauffeur dachte, seinem Fahrgast sei der Erfolg in den Kopf gestiegen. Lorenzo dachte oft daran, was ihm sein Vater gesagt hatte: Du wirst ein Wirtschaftswunder sein.

Mit den Jahren erwies sich der Beruf des berühmten Wirtschaftsexperten als immer schwieriger. Die Trägheit des italienischen Wirtschaftssystems, die Reformen und die Zunahme der politischen Skandale steigerten die Unzufrie­denheit der Leute und lösten einen Streik nach dem anderen aus. Die Kunden des Fiat-Konzerns blieben aus. Man kündigte Laurenzo den Vertrag und er wurde an die Spitze einer neuen Abteilung geru­fen. Seine Mitarbeitenden machten Bemerkungen über seine Ehelosigkeit, was unseren italienischen Streber etwas verunsicherte. Für eine Persönlichkeit seines Ranges war es nicht schwer, eine Frau zu verführen. Marcella, eine Mailänderin, ver­fiel seinem Charme. Kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten, gaben sie ihre Vermählung bekannt. Die Eltern und Freunde von Laurenzo freuten sich über die glückliche Wende, die die Zukunft des schönen Paares nahm. Sie bekamen zwei Kinder. Auf dem Gipfel des Ruhmes angelangt, wurde er mit den Jahren zän­kisch und gewalttätig. Er begann damit, starke alkoholische Getränke zu trinken.

Eines Nachts hatte er einen Traum, der sein Leben veränderte: an einem Morgen, als er das Haus verliess, erwartete ihn ein Engel, weiss gekleidet. Sein Blick war strahlend und voll Weisheit und noch weiser waren seine Worte. Er flüsterte Laurenzo zu:

– Höre nur auf dich selbst und wiederhole nie, was andere dir sagen.

Dann verschwand der Engel. Laurenzo bekam Angst. Er fuhr aus dem Schlaf hoch, stand auf, stellte sich ans Fenster und öffnete es. In der dunklen Nacht hörte er den Ruf einer Eule. Dann, während einiger Sekunden, sah er ein Bild vor seinen Augen vorbeizie­hen: Das Wasser des Meeres reflektierte sein Gesicht und seinen Körper, in der Hand hielt er eine Angelrute.

Laurenzo wusste nicht mehr, ob dies Wirklichkeit oder Traum war. Er hatte das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein und fühlte sich bedroht.

Er realisierte nun, wie oft er zur Freude der anderen gehandelt hatte. Er hatte auf seine bescheidensten Freuden, das Fischen und die Natur, verzichtet, um die Ambitionen seiner Eltern zu befriedigen. Er begriff nun die Verkettung sei­ner Handlungen. Eine grosse Wut vermischt mit Trauer stieg in ihm hoch. Seine Zukunft hatte keinen Sinn mehr. Leben für die Liebe der anderen? Nein. Am Morgen, als er in die Küche hinunter ging, sprach er mit Marcella darüber. Sie wurde neurasthenisch, packte die Koffer und suchte zusammen mit ihren Kindern Zuflucht bei ihrer Mutter, die in einem Vorort Roms wohnte.

Laurenzo weinte als sie gingen, aber er unternahm nichts, um sie zurückzuhalten. Er verliess Mailand und seine luxu­riöse Wohnung, die er mit Marcella und den Kindern geteilt hatte. Er liess sich in Cosenza nieder, einer Stadt in der Nähe derjenigen, in der seine Eltern lebten. Dort gründete er eine Gesellschaft, in der alle Fischer der Region zu­sammengeschlossen waren. Gemeinsam legten sie die Verkaufspreise für Fi­sche fest, diskutierten über Umwelt, Ökologie, Tourismus und die Zukunft der Fischer und der Fischhändler, aber auch über die Zukunft der Haie, Rochen, Karpfen, Aale, Lachs, Barsche und anderer Arten.

Alle liebten Laurenzo. Mit 34 Jahren begann er wirklich glücklich zu sein. Er taufte seine Gesellschaft ”Miracolo”, Wunder.

Viel später, mit 24 Jahren, kehrte Antonio, einer seiner Söhne, zu ihm nach Cosenza zurück. Er sagte zu seinem Vater: „Ich möchte mit Dir über meine Zukunft sprechen, willst du?“