Antoinette Vonlanthen

«Gelb wie ein Sonnenstrahl, der meine langweilige Oberfläche streichelt, ist meine Lieblingsfarbe», sagt der Stein.

«Eine langweilige Oberfläche?», fragt die Blume empört. «Du erweckst den Eindruck, über die Menschheit herrschen oder sie vernichten zu können, wenn du dies wünschst.»

«Ja, das ist das Drama. Ein Individuum kann mich in seine Hand nehmen und gegen ein Fenster werfen. Ich werde auf abscheuliche Weise benutzt, nur damit es seinen Zorn besser loswerden kann.»

«Und ich», erwidert die Blume, «kaum erwache ich im Frühling, können meine Blätter als Salat serviert werden. Kleine Kinder mögen mich auf seltsame Weise. Sie können meinen Stiel abschneiden, danach schenken sie mich Müttern oder Lehrern. Sie sind voller Freude, aber gleich danach sterbe ich.»

«Zumindest machst du jemanden glücklich», gibt sich der Stein optimistisch. «Ich bin nur graue Substanz.»

«Du verstehst das falsch», sagt die Blume. «Dank dir können die Menschen Häuser bauen.»

Darauf antwortet der untröstliche Stein: «Wir werden einer nach dem anderen zu einer Mauer aufgeschichtet. Da unsere Farbe langweilig ist, werden wir mit einer weissen Farbe bedeckt und danach für immer vergessen. Menschen hämmern Nägel in uns, verletzen uns und hängen schreckliche Sachen an uns auf. Nein, ein Stein zu sein ist nicht einfach. Wenn ich eine Gartenmauer aufhellen kann, geht es mir besser. Scheint die Sonne und wärmt mich, setzt sich eine Katze oder jemand anderes auf mich und die anderen Steine, sodass wir uns nützlich fühlen können.»

Die Blume hört ihm aufmerksam zu:

«Weisst du, dass zu Beginn der Menschheit Gruppen von Individuen dich <Stein> getauft haben und dass du sogar in einer anderen Sprache <Pierre> heisst oder dass dieser Name Neugeborenen bei der Geburt gegeben wird? Sie werden dann ein Leben lang Pierre genannt.»

«Was? Die Menschen gaben mir einen Namen und nahmen ihn dann für sich? Das ist erstaunlich. Wie ist das möglich, kleine Blume?»

«Mein Hirn ist winzig. Es hat wenig Raum für Antworten, aber ich denke, zu Beginn der Erschaffung der Erde gab es auf dem Boden nur Sand und Stein. Als der erste Mann geboren wurde, sah er sich einem kleinen Stück Stein wie dir gegenüber. Er nahm es in die Hand, und um seine Freundschaft mit ihm zu besiegeln, nannte er es <Pierre>. Im Laufe der Zeit», so die Blume weiter, «ist eine Vielzahl von Pierrots entstanden. Es gab sogar ein Genie, das geboren wurde, es wurde <Ein Stein oder Einstein> genannt.»

Der Stein ist zu Tränen gerührt. Er bewegt sich mühsam auf den Löwenzahn zu und flüstert ihm in die Blüte: «Du, mein Sonnenstrahl, du gibst mir Hoffnung, und ich merke, wie verhärtet mein Kopf war. Sei sicher, dass ich dich niemals vernichten werde. Du bist klein und zerbrechlich, aber so intelligent, und ich bin ein wenig schwer von Begriff. Zusammen bilden wir ein schönes Duo. Wir könnten uns Pissenlit-sur-Pierre nennen und einen Ort gebären.»

Nie zuvor sah die Löwenzahnblüte gelber aus.

 

 

  1. April 2020