«Auf dem Gurten BE»
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I. Die Selbsthingabe

Während einer Pandemie transportiert Sprache diverse emotionale Verfassungen, worunter jede Person, jede Gruppe und jedes Unternehmen unterschiedliche Wahrheiten erkennt. Nichtssagende Redensarten wie «Mir (uns) geht es gut», wenn die Stimme ein Unwohlsein verrät, ist keine vorteilhafte Art, sich «zu schützen». Verdrängte Gefühle treten früher oder später wieder auf. Bis dann verweigern wir uns dem Wesentlichen der menschlichen Beziehungen. Wir haben Angst, andere zu belasten. Zu Recht, denn wir vergessen, dass diese anderen auch ihre Last tragen, und zwar «sich selbst». Das Risiko auf sich zu nehmen, sich trotz allem jemandem anzuvertrauen, ermöglicht jedoch die Erfahrung, «gehört» und verstanden zu werden.

II. Die Bedrohung führt zu Konflikten

Methoden und Strategien tragen nur bedingt zur Konfliktlösung bei. Es scheint eine Realität zu sein, dass es (fast) jeder von uns vorzieht, die eigenen Fehler auf andere zu projizieren.

Für Menschen, die an sich selbst oder unter der Leitung eines Psychotherapeuten arbeiten, liegt es eher auf der Hand, Konflikte anzuerkennen und zu analysieren. In Spitälern ist die Situation momentan heikel. Erwartungen, Frustration und Müdigkeit sind spürbar. Aber gibt es sie wirklich nur im Gesundheitssektor? Nein. Die wahren Gründe sind nicht die Pandemie, sondern das Ohnmachtsgefühl einzelner Menschen gegenüber dem rationalen asozialen Funktionieren, das im Berufsbereich, respektive auf dem Arbeitsmarkt gefordert wird; die Verletzung der Menschenrechte und die gesellschaftlichen Ungleichheiten, die Eifersucht, das Verlangen, das ungelöste Trauma, aber auch die Tendenz, Opfer zu bleiben, und die mangelnde Bereitschaft, Lösungen zu suchen und anderen beizustehen.

«Ob persönlichkeitsarmer Mangel an Ich oder narzisstisches Zuviel an Ego – beides sind Formen seelischer Unbehaustheit, die mit dem Verlust einer inneren Welt einhergehen. Denn nur eine innere Welt befähigt einen, von sich selbst Abstand zu nehmen, sie ist die Voraussetzung für Selbstkorrektur, Wachstum und Reife. Dazu gehören auch Erfahrung der eigenen Ambivalenz und Unbestimmbarkeit, die allein neue und unvorhersehbare Bezugnahmen auf sich, die anderen und die Welt ermöglichen.» (Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst. «Eine kluge Polemik gegen den Selbstoptimierungswahn». Ariadne von Schirach, Verlag Tropen bei Klett-Cotta).

III. Etwas von sich geben, um darauf stolz zu sein

Was bedeutet das Wort «schenken» in dieser Weihnachtszeit? Die eigene Demut anerkennen und authentisch sein:

«Wie kann ich Dir (Ihnen) helfen?»
«Ich sehe, wie sehr Du leidest, und ich bin unfähig, Dir Trost und Aufmerksamkeit zu geben.»
«Kannst Du meine Hilfe annehmen?»
Oder: «Es gibt Momente, in denen ich mich selbst verachte, deshalb bin ich so wenig einfühlsam.»

Selbsthingabe erfordert, verstehen zu wollen, was man tut.

IV. Ein vertieftes Gespräch, ist das aufrichtigste Geschenk, um zu überleben

Da das Ziel der Gesundheitsökonomie nicht von allen Fachleuten gleichermassen geteilt wird, geht es insbesondere während einer Pandemie darum, Verantwortlichkeiten und deren Machbarkeit in der Politik zu klären: https://www.cairn.info/revue-pensee-plurielle-2015-2-page-109.htm

Die Einsicht, dass es nicht in allen Fällen vorgefertigte Lösungen gibt, würde die Kommunikation mit der Öffentlichkeit erleichtern. Um besser nachvollziehen zu können, wo ein Konflikt beginnt – um die Antworten nicht nur allein der Neurowissenschaft oder der Psychoanalyse zu überlassen –, geht es sowohl in der Politik und in der Wirtschaft als auch in der Partnerschaft, in der Familie oder im Unternehmen darum, die Struktur der Leitlinien, der Hierarchie, der Ziele, der Funktionen sowie der Rollen zu verstehen. Konflikte entwickeln sich meistens, wenn konkrete Antworten auf die folgenden Fragen fehlen: Welche Ressentiments, Fakten und Umstände müssen geklärt werden? Welche Interessen gibt es und wie ist die Macht verteilt? Wer besitzt mehr Geld? Weshalb hat sich der Betrag vermindert oder erhöht? Wer übernimmt die Führung, die Kontrolle? Bereits im prähistorischen und historischen Amerika, noch vor der Entdeckung durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492, wurden diese Gedanken kritisch hinterfragt. Wir nähern uns aber dem Jahr 2021 zu.

V. Lebendige Sprache entsteht durch Worte, Reflexion, Auseinandersetzung und Handeln

Noch viel zu wenig werden Lösungen aufgrund von Werten wie kreatives Denken, Wohlstand, Gesundheit, Persönlichkeitsstärke, Empathie, Selbstwertgefühl, Gleichheit, Teilen, Wohlwollen, Toleranz, Initiative, Querdenken, Reichtum und mentale Tiefe gesucht.

Diese Herausforderung bedingt qualifiziertes Zuhören und analytisches Denken. Beziehungskonflikte, Schwierigkeiten im Beruf, sexueller Missbrauch, verletzende Grenzüberschreitung in der Wortwahl, Generationenkonflikte oder fehlende Unternehmensführung sind immer noch Tabus. Dank feministischer Männer ändert sich endlich jedoch der Blickwinkel. Das Nachrichtenmagazin von RTS «Le Temps» ist ein gutes Beispiel dafür.

VI. Moralisches Denken als kreativen Faktor?

Im Internet habe ich einen Titel gelesen, der mir gefällt: «Weihnachtsguetzli — gegen Dämonen und kalte Winternächte».

Wir sind freie Menschen, egal was unsere Vorlieben sind. Themen initiieren, die jedermann zugänglich sind, sie ansprechen und sie bearbeiten oder grundsätzlich neue Denkweisen entdecken, ist ein vielversprechender Beitrag für sich selbst und ganz besonders für das gute Funktionieren der Gesellschaft.

Französisch, italienisch oder rätoromanische sprechende sind persönlich und warmherzig. Emotionen gehören zur empathischen Konversation. Konflikte, Trauer und Schicksalsschläge werden selbstverständlicher angesprochen als in der deutschen Schweiz, wo Themen eher hinter verschlossener Tür diskutiert werden (Gärtlidänkä). Hingegen sind Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer kooperativ und vertrauenswürdig. Es ist Zeit für uns Schweizerinnen und Schweizer aller Kulturen, uns an den Tisch zu setzen und Rösti oder die berühmte Waadtländer Spezialität „Papet Vaudois“, ein köstliches Risotto oder die aparte Trinser Birnenravioli zu essen. Wie Mahatma Gandhi sagt: «Die Zukunft hängt davon ab was wir heute tun.»

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Helfen wir uns gegenseitig, dann fühlen wir uns gut und können uns im Spiegel betrachten.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine schöne Weihnacht, Ruhe und Zeit zum Entspannen. Möge das neue Jahr das beste Ihres Lebens werden, trotz Corona-Pandemie. Leben Sie Ihre Träume und nicht die anderer.

Antoinette Vonlanthen